Nur für Mutige

Nur für Mutige

Es gibt keine Garantien in der Liebe.
In Österreich werden 41,6 Prozent aller Ehen geschieden, das ist fast jede Zweite.
Warum es sich trotzdem lohnt, ja zu sagen.

Früher war die Ehe überwiegend eine wirtschaftliche Institution, die dazu diente, uns emotionale und finanzielle Stabilität zu geben und eine Familie zu gründen, sagt Psychotherapeutin Esther Perel. Heute erwarten wir von unseren Partnern immer noch ähnliche Dinge, zusätzlich sollen sie aber unsere besten Freunde, leidenschaftliche Liebhaber und emotionale Pufferzone sein. Die Bedürfnisse, die früher von einer ganzen Dorfgemeinschaft erfüllt wurden, sollen heute von einer einzigen Person gestillt werden. Wir wollen Vertrauen und Herausforderung, Zärtlichkeit und Leidenschaft, Verlässlichkeit und Überraschung, Nähe und Distanz, Alltagstauglichkeit und Transzendenz. Gleichzeitig verleitet uns die heutige Konsumkultur dazu, mit dem, was wir haben nicht zufrieden zu sein. Es geht immer mehr und besser. Funktioniert etwas nicht, besorgen wir es eben neu.

Wenn man sich dann noch die Scheidungsrate ansieht, muss man gestehen – wer sich heute traut, ist ganz schön mutig. Aber alles, was wert ist, es zu haben, erfordert ein bisschen Mut und meistens auch ein ganzes Stück Arbeit. Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass, wenn wir erst mal die richtigen Partner gefunden haben, alles andere ganz von allein geht. Sich zu verlieben, das passiert einfach, aber zu lieben, das erfordert ein bisschen mehr. Massive Attack singen nicht umsonst: „Love is a doing word“, und Erich Fromm hat nicht umsonst ein ganzes Buch darüber geschrieben, dass das Lieben eine Kunst ist.

In der ersten Phase der Verliebtheit ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit, unsere Partner realistisch zu sehen. Unser Gehirn ist auf Hormonen, wir sind überglücklich, endlich die Person gefunden zu haben, mit der alles ganz anders ist als bisher. Der Sex ist fantastisch und und der Alltag noch fern. Doch irgendwann kommt in jeder Beziehung der Moment der Ernüchterung. Unsere Vorstellungen werden nicht getroffen, unsere Erwartungen werden enttäuscht. Wir sehen unsere Partner an und fragen uns, ob das noch dieselbe Person ist, in die wir vor Kurzem noch so unsterblich verliebt waren. Der Psychologe Terrence Real beschreibt diesen Moment als den ersten Tag der echten Ehe. Wir fragen uns, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben und ob wir mit dieser Person wirklich unser Leben verbringen wollen. Damit bringen wir uns in eine schwierige Lage, denn die Antwort auf diese Fragen ist entweder ja oder nein, alles oder nichts.

Es braucht einiges an Mut, um sich aus diese Zwickmühle zu manövrieren, meint Psychotherapeut Ken Page. Nämlich, zu akzeptieren, dass unser Partner nicht perfekt ist und wir selbst für die Beziehung, die wir uns wünschen, verantwortlich sind. Erst müssen wir uns selbst darüber klar werden, was genau unsere Erwartungen und Bedürfnisse eigentlich sind. Das ist gar nicht so einfach. Sie sind beeinflusst von unserer Kindheit oder von Erfahrungen aus früheren Beziehungen und werden uns oft erst dann bewusst, wenn sie nicht gestillt werden. Sich selbst mit diesen Dingen zu konfrontieren und mit seinem Partner offen darüber zu reden, ist eine Herausforderung, denn wir dringen dorthin vor, wo’s wehtut und machen uns angreifbar. Jedoch das Risiko, das wir eingehen, wenn wir uns öffnen, birgt auch das Potenzial zu Authentizität und echter Intimität.

Ehe- und Familientherapeutin Lori H. Gordon beschreibt schlechte Kommunikation als häufigsten Grund für unglückliche oder gescheiterte Beziehungen. Kennen wir unsere eigenen Sehnsüchte nicht und können sie demzufolge unseren Partnern nicht mitteilen, geben wir ihnen gar nicht die Chance, uns entgegenzukommen. Wir erwarten von ihnen, unsere Gedanken zu lesen, stellen umgekehrt Vermutungen über ihre Beweggründe an und ziehen falsche Schlüsse. Es klingt einfach, aber gerade in Situationen, in denen wir uns unglücklich, enttäuscht oder angegriffen fühlen, ist gute Kommunikation schwierig. Sie erfordert, dass wir ehrlich sind, anstatt zu sagen, was der andere vielleicht hören will oder was wir selbst lieber von uns hören wollen. Dass wir Fragen stellen, statt zu vermuten. Dass wir wirklich zuhören, offen sind für das, was unsere Partner sagen und versuchen, uns in sie hineinzuversetzen. Es kann helfen, Körperkontakt zu haben, wenn man über schwierige Themen spricht, sich zuerst auf positive Dinge zu konzentrieren, bevor man die Negativen auspackt und schon mögliche Lösungsvorschläge mit ins Gespräch zu bringen, wenn man Probleme ansprechen will. Vor allem aber müssen sich beide Partner wirklich zur Sache bekennen und bereit sein, Kompromisse einzugehen.

Beziehungen sind immer Work-in-Progress und mit einem „Ja“ ist die Arbeit leider nicht getan. Wir verändern uns ständig, entdecken neue Hobbies, streiten uns mit Familienmitgliedern, werden befördert oder gekündigt, verlieren Menschen, bekommen Kinder, werden weiser oder nur älter, manche Dinge gehen kaputt, andere fallen uns in den Schoss. Nach jeder Herausforderung kommt die Nächste. Aber genau darin liegt auch die Möglichkeit, miteinander zu wachsen, und sich der Zukunft gemeinsam zustellen. Wir sind gefordert, uns selbst kennenzulernen, uns mit unseren Schattenseiten zu konfrontieren, die Schutzmauern, die wir zwischen einander errichten, zu überwinden und wirkliche Nähe zuzulassen. Es sind gerade die Krisen, die das Potenzial für uns bergen, sich als Persönlichkeit zu entwickeln, reifer zu werden, unsere Partner wirklich kennenzulernen und eine tiefe Verbindung aufzubauen. Es ist ein bisschen wie in dem Gedicht von Peter McWilliams:

„It is a risk to love.
What if it doesn’t work out?
Ah, but what if it does.“

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