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Neid und Mitleid beim Heiraten

Neid und Mitleid beim Heiraten

Warum sich Frauen beneiden und Männer bedauern wenn es ums Heiraten geht. Hochzeit.Click im Interview mit Mag. Elisabeth Moser, Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision.

Und auf einmal ist sie da, die große freudige Neuigkeit „Wir haben uns verlobt!“. Im Siebten Himmel und glücklicher als je zuvor wird allen aufgeregt berichtet: der Familie, den Freunden und Kollegen. Die Verlobungs- und Vorbereitungszeit ist dann eine so spannende. Brautkleid-Shopping, Engagement-Shooting, Junggesellenabschied, Bastelrunden und Co – als Braut und Bräutigam möchte man seine Verlobung zelebrieren und alle Details mit den Liebsten teilen. Doch manchmal, wenn der Termin näher und näher rückt, merkt man, dass gerade die Menschen, die uns am nächsten stehen, diese Freude nicht so richtig mit uns teilen können. Die Anrufe und Besuche werden weniger, die flapsigen Bemerkungen häufen sich. Aber was ist passiert? Warum wenden sich unsere engsten Vertrauten gerade dann ab, wenn wir sie am meisten brauchen? Ist es Neid? Ist es Missgunst? Wir wollten es genauer wissen und haben Mag. Elisabeth Moser, Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision, zum Interview geladen:

 

Hochzeit.Click: Liebe Elisabeth, die Zeit vor der Hochzeit ist nicht nur eine organisatorische, sondern auch eine emotionale Herausforderung. Auch Streitigkeiten zwischen Familie und Freunden sind nicht unüblich. Braut oder Bräutigam kann sich da schon mal alleingelassen oder unverstanden fühlen. Haben Sie derartiges schon beobachtet?

Mag. Elisabeth Moser: Ja, es kann vorkommen, dass eine bevorstehende Hochzeit im Freundes- bzw. Familienkreis einiges in Bewegung bringt. Mit jemandem eine – im besten Fall lebenslange – Bindung einzugehen, berührt die tiefe (Ur)-Sehnsucht des Menschen geliebt zu werden und zu lieben, angenommen zu werden. Eine bevorstehende Hochzeit im Umfeld kann uns mit den angenehmen Aspekten der Liebe, aber natürlich auch mit den Herausforderungen und Ängsten, die damit verbunden sind, in Berührung bringen. Wir blicken auf unser eigenes Leben und merken vielleicht, wo Defizite, Ängste, unerfüllte Wünsche und Enttäuschungen sind. Es stellt sich das Gefühl ein, im Leben da oder dort zu kurz zu kommen. Das Glück der anderen ist dann oft schwer auszuhalten.

 

Was sind Ihre Erfahrung zum Thema Neid und Missgunst unter Frauen? Warum fällt es manchen Frauen so schwer sich für die andere zu freuen?

Mag. Elisabeth Moser: Neid ist sicher kein geschlechtsspezifisches Phänomen, es kommt bei Männern und Frauen gleichermaßen vor, wobei das worauf man neidisch ist sich womöglich unterscheidet. Neid hat viele unterschiedliche Ausprägungsformen. Es gibt auch das Phänomen, das man auf jemanden im positiven Sinn neidisch ist und zwar, wenn wir jemanden ehrlich bewundern, kann der Neid uns motivieren, es gleichzutun. Den Neid, den Sie ansprechen, ist eine komplexe Sache, da es sich um eine Mischung aus mehreren Gefühlen wie Traurigkeit, Wut, Verachtung, Selbstmitleid oder Angst handelt. Neid ist ein sehr starkes Gefühl, das einen wie überschwemmt, es wird meist körperlich gespürt. Redewendungen wie „vor Neid erblassen“, „gelb und grün werden vor Neid“, „von Neid zerfressen sein“, „vor Neid platzen“ usw. zeigen, dass es meist um existentielle Themen geht, wenn wir mit Neid in Berührung kommen.

Ich gehe stark davon aus, dass das Thema heiraten bei Frauen prägende evolutionäre Spuren hinterlassen hat. Für Frauen war es quasi überlebenswichtig zu heiraten, „unter die Haube zu kommen“, um nicht „übrig zu bleiben“. Da kann viel Druck entstehen. Ich denke auch, dass Frauen es eher gewohnt sind, sich über ihre Gefühle auszutauschen und darüber zu sprechen – vor allem auch was den Beziehungsalltag betrifft. Sie scheuen sich nicht, Schwieriges anzusprechen und zu reflektieren. Wenn im eigenen Leben gerade viel Schwieriges, Trauriges, etc. da ist, fällt es schwer, sich für andere zu freuen. Es entsteht Neid auf das Glück der anderen.

 

Bei Männern ist es oft genau umgekehrt. Eine Ehe, also eine Bindung auf Lebenszeit, wird als etwas Negatives betrachtet. „Überleg dir das gut!“ – was vielleicht als Scherz gemeint ist, können ernstgemeinte Sorgen sein. Männer raten sich manchmal gegenseitig vor dieser Entscheidung ab und machen auch keinen Hehl daraus es kund zu tun. Was glauben Sie, warum ist das so?

Mag. Elisabeth Moser: Auch da lohnt ein Blick zurück in die Vergangenheit. Die Ehe war früher oftmals weniger eine Liebes-Verbindung als ein ökonomisch-funktionales Arrangement. Männer fanden viel klarer ihre Rolle als „Ernährer“ und „Mann im Haus“, die Rollenverteilung war relativ klar und Scheidungen oder Trennungen waren aus religiös-moralischen Gründen und aus finanzieller Sicht undenkbar. Durch die gegenwärtige, vergleichsweise hohe finanzielle Unabhängigkeit vieler Frauen, sind Trennungen und Scheidungen heute kein finanzieller und gesellschaftlicher Ruin mehr – aus Sicht der Frau! Und da kommt ein sehr entscheidender Aspekt ins Spiel. Ich denke, dass viele Männer sich finanziell im Nachteil sehen, wenn es zur Trennung kommt. Vor allem wenn es gemeinsame Kinder zu betreuen gibt. Es ist womöglich die Erfahrung vieler Männer, dass die Ehe, wenn sie in die Brüche geht, ihnen (finanziell) eher geschadet hat. In der Praxis erlebe ich jedoch, dass der Wunsch nach einer lebenslangen Partnerschaft sowohl bei Männern und Frauen gleichermaßen da ist und sich nach wie vor viele (junge) Menschen auf das Abenteuer Ehe einlassen.

 

Was kann Braut oder Bräutigam tun, wenn solche Situationen beobachtet werden. Wie geht man mit negativen Situationen, Reaktionen oder Kommentaren um?

Mag. Elisabeth Moser: Neid ist heimlich zu leben, es ist ein gesellschaftliches Tabu. Der Neidige bleibt oft allein mit seinen belastenden Emotionen, die sich dann meist in schnippischen oder kränkenden Äußerungen zeigen. Halten wir uns jedoch erneut vor Augen, dass Neid eine Mischung aus vielen Gefühlen ist, die sehr schmerzen können. Oft lebt der Neidige mit großer Unzufriedenheit und dem Wunsch nach Veränderung. Manchmal kann es daher helfen, das direkte Gespräch zu suchen und nicht mit Vorwürfen („du kannst dich nie mit mir freuen“) zu reagieren. Meist leben Braut und Bräutigam in der Zeit vor der Hochzeit mit viel positiver Energie, die konstruktiv genutzt werden kann. Sätze wie „es tut mir weh und macht mich traurig, dass du dich nicht mit mir freuen kannst, aber ich möchte dich darin auch verstehen“ können helfen, dass es dadurch zu einem guten, ehrlichen Austausch kommt, zu gegenseitigem Verstehen.

Es ist verständlich, dass Braut und Bräutigam ihr Glück mit den Menschen teilen möchten, die ihnen nahe sind. Es kann jedoch sein, dass genau diese Menschen diesen Enthusiasmus nicht so teilen, wie man es erwartet. Das ist eine Realität, die es anzunehmen gilt, denn man heiratet für sich, nicht für andere.

 

Was können Angehörige und Freunde tun, wenn sie von Neid-Gefühlen erfasst werden?

Mag. Elisabeth Moser: Neid ist vielleicht eine Botschaft, die uns was sagen möchte, oder uns auf einen Wert hinweist bzw. auf das Fehlen von eben diesem. Welches Gefühl ist es genau, das sich bemerkbar macht? Ist es Angst oder Trauer? Bin ich wütend auf etwas oder jemanden? Dadurch, dass ich benennen kann, was in mir ist, kann ich in einen Umgang kommen. Entweder müssen wir uns nun auf die Suche nach diesem Wert machen und ihn leben oder wir müssen die Vorstellung von uns selbst verändern. Manche Dinge können wir im Leben nie erreichen oder zumindest jetzt nicht erreichen. Manchmal muss ich mich im Leben auch von Wünschen verabschieden und Realitäten akzeptieren. Dazu muss jedoch ein Trauerprozess in Gang kommen und dieser wird sehr oft unterdrückt. Die Unzufriedenheit wird immer größer und der Neid immer mehr – ein Teufelskreis.

Auch aus Sicht der Angehörigen und Freunde gilt, was ich oben bereits erwähnt habe – ein offenes Gespräch kann die verhärteten Fronten etwas aufweichen. Ich darf auch sagen: „Ich gönn dir das, aber lass uns bitte nicht zu oft darüber reden.“

Zum Nachlesen und Nachdenken
Mag-elisabeth-moser-psychotherapeutingMag. Elisabeth Moser – Die Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision arbeitet als Existenzanalytikerin mit Klienten in einer Gemeinschaftspraxis in der Märzstraße, in Wien 15. Die gebürtige Oberösterreicherin hat einen Abschluss in Theologie und war unter anderem für das Medienhaus der Erzdiözese Wien tätig; derzeit arbeitet sie neben der psychotherapeutischen Tätigkeit in einem internationalen Konzern. Elisabeth lebt seit vielen Jahren in einer glücklichen (unehelichen) interkulturellen Partnerschaft. Details unter www.psychotherapie-moser.com

 

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